Nein, ich bin nur müde

„Versuchst du mich zu ignorieren?“ hatte sie ihn mit leicht vorwurfsvollem Ton gefragt, als er wortlos und den Blick zu Boden gerichtet an ihr vor bei gegangen war. „Nein, ich bin nur müde .“ war seine Antwort, diese brachte er zwar überzeugend heraus – doch sie war nichts als eine Lüge.
Denn natürlich hatte er sie nicht unabsichtlich ignoriert: Er gehörte zu einem Personenstamm, die mit ihren Wachen Augen Ohren jede ihnen Bekannte Person in ihrem Umfeld wahrnehmen – egal wie müde sie sind. Er konnte gar nicht anders. Und doch ignorierte er sie: Sie beide hatten sich mit der Zeit auseinander gelebt, es war schon ein paar Monate her als sie sich das letzte mal verabredet hatten. Als sie ihn zum letzten mal gefragt hatte: „Bist du nun sauer auf mich?“ und er mit einem sachten „Nein.“ antwortete. Sie hatten kaum mehr etwas mit einander zu tun und beide wollten Abstand voneinander, so fühlte es sich zumindest für ihn an. Und um nicht mit ihr reden zu müssen, ignorierte er sie einfach – er traf sie nicht oft und wollte einfach, das sie aus seinen Gedanken verschwindet. Sein Verhalten, war leicht kindisch, das wusste er. Aber es sah für ihn zu diesem Zeitpunkt als die vernünftigste Handlungsweise aus. Auch sie hatte ihn ignoriert oder besser gesagt einfach nicht beachtet und sich nicht für seine Belange interessiert, seit Monaten nicht einmal eine „Wie geht’s?“ Nachricht bei ihm hinterlassen. Das stieß bei ihm leicht auf und festigte seine Distanz zu ihr. Dass er, der selbe keine solche Nachricht geschrieben hatte, sich damit in einem Widerspruch befand war ihm zwar theoretisch klar, praktisch und emotional aber egal.
Und so trennten sich dann ihre Wege so schnell wie sie sich trafen und er musste nur leicht schmunzeln, als er darüber nachdachte, dass sie seine Lüge ihm wohl abgekauft hatte.

Ein sachtes „Nein“…

„Nein.“ sagte er ganz sachte, während er noch leise lachte und die Treppen hinunter stieg. Er fuhr nun schon zum zweiten mal mit der U-Bahn. Auch jetzt nach seinem Gespräch, warum? Das wusste er nicht. Die U-Bahn hatte knapp zwei Jahrzehnte zur Fertigstellung gebraucht, und nun war sie da, seit einem Monat. Niemand hatte geglaubt sie würde noch fertig gestellt. Eigentlich verwendete er sie sonst nie – sie verband nur die noch nicht umgesiedelten Teile der Universität mit dem Einkaufszentrum am anderen Ende der Innenstadt. Vom Rest der früheren Einkaufspassage war nichts übriggeblieben, denn beim Bau der U-Bahn lief nicht alles glatt, wenn man das so euphimistisch sagen darf. Aber darum ging es eigentlich gar nicht, niemand redete mehr über die U-Bahn. Die meisten Einwohner seiner Stadt hatten sie damit abgefunden und meideten das Gebiet einfach. Und so war er denn auch alleine in der U-Bahn die ihn zurück zu den Resten der Universität brachte, von wo aus er nach Hause lief. Er hatte eines dieser komischen Gespräche geführt, die ihn verloren zurückließen. Das Gespräch ging wie so oft um privates, welche sein Gegenüber mit den Worten „Bist du nun sauer auf mich?“ zu enden pflegte. Worauf er immer, teils aus Gewohnheit, teils aus der Gewissheit um den rhetorischen Charakter der Frage, mit einem sanften „Nein.“ antwortete.

Warmer Regen

Unverkrampft stand er da im Regen. Es prasselte auf ihn in dicken Tropfen hernieder. Doch es war nicht unangenehm, er stand auf einer schönen, grünen Wiese und der Regen war warm. Die Luft duftete nach Wiesenkräuter, deren Düfte durch die nasse Luft aufgesogen wurde. Ein schöne Landschaft. Und so stand er da noch immer. Vernässt aber glücklich und mit der Welt zu frieden. Das war sein Traum, der da Wirklichkeit wurde. Er wusste nicht wie er hergekommen war an diesen unscheinbaren Ort in mitten eines großen Waldes. Er kann sich an nichts mehr erinnern, was zuvor jemals geschehen war. An keine wichtigen Ereignisse in seinem Leben, nicht was er beruflich tat und nicht was ihn dazu gebracht hatte hier zu stehen. Aber das war nicht wichtig, denn er war glücklich. Glücklich in der Abgeschiedenheit von allem bösen in der Welt, von allen Problemen, von allen Ängsten, einfach von allem das ihm auch nur im geringsten die Laune verderben könnte. Der Regen hatte nicht aufgehört und rieselte in warmen Wogen aus dem Himmel ihm entgegen. Seine Kleidung war nun total durchgenässt, doch das machte ihm nichts, denn er fühlte sich eins mit der Natur. Und wünschte sich, das die Zeit an diesem Ort nie Enden würde. Das tat sie auch nicht, denn es war sein Traum…