Nein, ich bin nur müde

„Versuchst du mich zu ignorieren?“ hatte sie ihn mit leicht vorwurfsvollem Ton gefragt, als er wortlos und den Blick zu Boden gerichtet an ihr vor bei gegangen war. „Nein, ich bin nur müde .“ war seine Antwort, diese brachte er zwar überzeugend heraus – doch sie war nichts als eine Lüge.
Denn natürlich hatte er sie nicht unabsichtlich ignoriert: Er gehörte zu einem Personenstamm, die mit ihren Wachen Augen Ohren jede ihnen Bekannte Person in ihrem Umfeld wahrnehmen – egal wie müde sie sind. Er konnte gar nicht anders. Und doch ignorierte er sie: Sie beide hatten sich mit der Zeit auseinander gelebt, es war schon ein paar Monate her als sie sich das letzte mal verabredet hatten. Als sie ihn zum letzten mal gefragt hatte: „Bist du nun sauer auf mich?“ und er mit einem sachten „Nein.“ antwortete. Sie hatten kaum mehr etwas mit einander zu tun und beide wollten Abstand voneinander, so fühlte es sich zumindest für ihn an. Und um nicht mit ihr reden zu müssen, ignorierte er sie einfach – er traf sie nicht oft und wollte einfach, das sie aus seinen Gedanken verschwindet. Sein Verhalten, war leicht kindisch, das wusste er. Aber es sah für ihn zu diesem Zeitpunkt als die vernünftigste Handlungsweise aus. Auch sie hatte ihn ignoriert oder besser gesagt einfach nicht beachtet und sich nicht für seine Belange interessiert, seit Monaten nicht einmal eine „Wie geht’s?“ Nachricht bei ihm hinterlassen. Das stieß bei ihm leicht auf und festigte seine Distanz zu ihr. Dass er, der selbe keine solche Nachricht geschrieben hatte, sich damit in einem Widerspruch befand war ihm zwar theoretisch klar, praktisch und emotional aber egal.
Und so trennten sich dann ihre Wege so schnell wie sie sich trafen und er musste nur leicht schmunzeln, als er darüber nachdachte, dass sie seine Lüge ihm wohl abgekauft hatte.